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Hiroshima  [OT: Hiroshima]

Eine historische Dokumentation
zum 60. Jahrestag des Atomangriffs


Als Colonel Paul Tibbets am 6. August 1945 um 8 Uhr 15 und 19 Sekunden den Bombenschacht seiner B-29 öffnete und die Uranbombe "Little Boy" hinausglitt, brach er damit einer neuen Ära der Geschichte Bahn: dem Atomzeitalter, dem Zeitalter der "Bombe". 43 Sekunden später detonierte erstmals überhaupt ein nuklearer Sprengsatz über einer von Menschen bewohnten Stadt: Hiroshima.

Die Explosion brachte binnen Sekundenbruchteilen zigtausendfachen Tod, unvorstellbare Zerstörungen und, nach einem weiteren Atombombenabwurf auf Nagasaki, das endgültige Ende des Zweiten Weltkriegs. Der Atombombeneinsatz gegen das kaiserliche Japan war das letzte Fanal des mörderischsten Krieges seit Menschengedenken.

Dass die Bombe das Land der aufgehenden Sonne traf, zählt zweifelsohne zu den entsetzlichsten Unwägbarkeiten der Geschichte: Antrieb für das "Manhattan Project", das amerikanische Atomprogramm, war die Angst gewesen, Hitler könne die schrecklichste aller Waffen als Erster entwickeln. Dass ihm das in Wahrheit nicht gelang, konnten die renommierten Wissenschaftler um Robert Oppenheimer nicht ahnen. Ebenso wenig, dass der Krieg gegen Hitlers Reich des Bösen zuende sein würde, bevor die "Bombe" fertig war. Fest steht, dass die Hiroshima-Bombe wohl auf Deutschland gefallen wäre – wenn hier nicht bereits Friede geherrscht hätte. Eine traurige Gnade der Geschichte?

Die Amerikaner hatten die Pläne bereits in der Schublade, wie der Sieg über Japan auch ohne funktionierende Atombombe zu erringen war. Sie belegen: Zigtausende von GIs wären wohl bei der Invasion Japans ums Leben gekommen. Die Bomben aus Amerikas Nuklearschmieden sollten zumindest den US-Truppen diesen Blutzoll ersparen.

Doch Hiroshima und Nagasaki waren nicht nur Bauernopfer eines frühen Friedens. Sie dokumentierten auch den neuen Anspruch der Vereinigten Staaten als Führungsnation des Westens. Dem stalinistischen Koloss, der sich über halb Europa ausgebreitet hatte, wollte US-Präsident Harry Truman mit dem nuklearen Urknall Einhalt gebieten und deutlich machen: Der Westen war von nun an unbesiegbar: "Atombombenmonopol" hieß das Zauberwort. Und tatsächlich besaß die "Bombe" auch eine wirtschaftliche Komponente: Der atomare Schutzschild war die einzig bezahlbare Verteidigung für Westeuropa und Westdeutschland gegen das stehende Millionenheer Stalins.

Wie hoch der Preis in Wirklichkeit sein würde, wurde erst deutlich, als die vermeintliche Unbezwingbarkeit nach nur vier Jahren zuende war: Dank größter Kraftanstrengungen – und Spionage in den USA – zündete die Sowjetunion schon 1949 ihren ersten eigenen Atomsprengsatz. Damit begann die erste von unzähligen Spiralen atomaren Wettrüstens.

In dieser Zeit wurden die Hunderttausende von Opfern in Hiroshima und Nagasaki zum Menetekel für die Angst vor der atomaren Vernichtung. Nicht allein dank menschlicher Vernunft, sondern insbesondere aus bloßer Angst funktionierte die Mechanik der Stabilität so reibungslos, dass die Welt das atomare Wettrüsten überlebte. Die nuklearen Supermächte hielten sich in Schach – in vier Jahrzehnten Nicht-Krieg. Angst hat den fragilen atomaren Frieden sicherer gemacht.

Seit 15 Jahren ist der Kalte Krieg vorüber. Und noch immer, scheint es, überwiegt die Euphorie darüber, verdrängen wir die neuen atomaren Risiken, die durch Konflikte zwischen immer mehr Atommächten entstehen können.

Seit Hiroshima ist uns bewusst: Die Menschheit ist imstande, materiell und technisch, sich selbst auszulöschen. Auschwitz hat gezeigt: Moralisch ist sie dazu fähig. Nicht zuletzt deshalb ist der Film "Hiroshima" ein Doku-Drama: Es kann zeigen, was von Zeitgenossen nicht gefilmt wurde: Momente der Entscheidung, Augenblicke voller Emotionen, Zeiten des Entsetzens.

Das vom ZDF – und nicht zuletzt von unserer Zeitgeschichte-Redaktion – erfolgreich mitgeprägt Genre "Doku-Drama" wird mit diesem Film um neue Akzente bereichert – und um die Komponente einer "Echtzeit-Reportage" fortentwickelt: Nie zuvor in der Geschichte hat die Technik so rasant den Lauf der Welt verändert – ebenso die Politik, den Krieg, die Existenz der Menschheit. Minutiös, zuweilen auf Sekundenbruchteile genau, wird das historische Geschehen rekonstruiert.

"Hiroshima" wurde als Koproduktion zwischen der BBC-Abteilung Science und den ZDF-Redaktionen Zeitgeschichte und Zeitgeschehen realisiert – die erste Zusammenarbeit dieser Art. Nicht zuletzt auch dank dieser gebündelten Kompetenz gelang es zu belegen, wie technische Möglichkeiten politisches Handeln prägen können. Aber gilt das nicht auch umgekehrt? Und ist nicht gerade dies auch das Moment der Hoffnung in "Hiroshima"? Mag die Menschheit auch zur Selbstzerstörung fähig sein, sie ist nicht dazu verdammt.

Prof. Dr. Guido Knopp, Leiter des ZDF-Programmbereichs Zeitgeschichte und
Zeitgeschehen



Hiroshima – Chronik einer Zeitenwende

Die Nacht über der Wüste wird blitzartig zum Tag. Ein gleißender Lichtstrahl durchsticht die Dunkelheit. Am 16. Juli 1945 bricht auf dem Testgelände bei Alamogordo im US-Bundesstaat New Mexico das Atomzeitalter an. Geblendet und fasziniert beobachten die "Väter der Bombe", unter ihnen die renommiertesten Wissenschaftler ihrer Zunft, den Erfolg ihrer dreijährigen Forschungsarbeit: die erste Atomzündung der Welt. Erst allmählich dämmert die Erkenntnis, dass dies zugleich der Urknall eines bis dahin noch nie gekannten Zerstörungspotentials ist.

Den amerikanischen Präsidenten Truman erreicht die Nachricht vom gelungenen Atomversuch in Potsdam, wo die Alliierten auf einer Konferenz gerade die Weichen für die Nachkriegszeit stellen. Nun hat Truman eine neue Trumpfkarte gegen Stalins Expansionsdrang in der Hand. Vor allem aber verfügen die Amerikaner jetzt über ein Drohmittel, Japan zur Kapitulation zu zwingen – ohne verlustreiche Invasion. Während Hitler in Europa längst besiegt ist, bereitet sich der einst mit diesem verbündete Inselstaat darauf vor, eine Landung der Alliierten mit allen Kräften, auch Selbstmordattentaten, zurückzuschlagen. Als auch ein Ultimatum Japan nicht zur Aufgabe bewegt, fällt der US-Präsident die folgenreiche Entscheidung.

Auf dem pazifischen US-Stützpunkt Tinian laufen zeitgleich die Vorbereitungen für das Unternehmen "Centerboard", den Abwurf der Atombombe, auf Hochtouren. Um die mehr als vier Tonnen schwere Bombe, "Little Boy" genannt, transportieren zu können, wird ein Bomber vom Typ B-29 umgerüstet. Der Pilot, Oberst Paul Tibbets, tauft die Maschine auf den Mädchennamen seiner Mutter "Enola Gay".

Am 6. August um 2.30 Uhr morgens startet die Crew. Zielpunkt ist die japanische Stadt Hiroshima. Sie wurde auch deshalb ausgewählt, weil sie noch weitgehend unversehrt war. So soll die Welt sehen, welch verheerende Wirkung die neue Bombe hat. Um 8.15 Uhr öffnet sich der Bombenschacht, 43 Sekunden später detoniert die Bombe gut 500 Meter über dem Zentrum Hiroshimas. Binnen Sekunden löscht der Feuerball im Umkreis von 800 Metern alles Leben aus. Von den Menschen, die nichts ahnend ihren Alltag angetreten haben, bleibt nichts mehr übrig als hier und da ein Schattenriss auf Stein oder Metall. Die Überlebenden in weiterer Entfernung kriechen geblendet, mit abgeschälten Hautfetzen und vor Schmerzen schreiend aus den Trümmern. Die Hitze hat ihnen Haut und Haare verbrannt, die Druckwelle Mauerteile und Glasscheiben in gefährliche Schrapnelle verwandelt. Doch die heimtückischste Wirkung der Bombe wird erst nach Wochen und Monaten offenbar. Die radioaktive Strahlung, von den arglosen Menschen oft mit dem Wasser und mit Regentropfen geschluckt, zerfrisst die Körperzellen und lässt Zehntausende innerlich verbluten.

Die grauenhaften Folgen des Atomangriffs, bei einem weiteren Angriff auf die japanische Stadt Nagasaki am 9. August noch ein zweites Mal vor Augen geführt, zeigen die beabsichtigte Wirkung: Japan unterzeichnet am 2. September die Kapitulation. Den Alliierten bleiben weitere verlustreiche Kämpfe erspart. Doch die Debatte hält bis heute an, ob es unumgänglich war oder verwerflich, mit dem atomaren Feuer mehr als 140 000 Menschenleben auszulöschen.

Wie es dazu kam und welche Folgen der Abwurf der Bombe hatte, zeichnet die historische Dokumentation, die die BBC in Koproduktion mit dem ZDF zum 60. Jahrestag des Atomangriffs auf Hiroshima produziert hat, detailgetreu nach. Zeugenaussagen, Archivbilder, Animationen und filmische Rekonstruktionen zeigen zum ersten Mal ein vollständiges Bild des dramatischen Geschehens. Ausführlich zu Wort kommen die Crewmitglieder des Bombers "Enola Gay", darunter der Kommandant Paul Tibbets, ein Mitarbeiter der damaligen US-Administration, vor allem aber japanische Augenzeugen des Atomangriffs: unter ihnen eine Bankangestellte, die nur wenige hundert Meter vom Explosionsort die Folgen des Infernos sah; eine Krankenschwester, die auf wundersame Weise überlebte; ein Schuljunge, der inmitten des Chaos unverhofft seinen Vater wiederfand, und ein Arzt, der sich mit den medizinischen Folgen der Katastrophe konfrontiert sah. Sie gehören zu den wenigen, die heute noch aus eigener Anschauung von dem Ereignis berichten können, das die Welt veränderte.

Peter Hartl ist verantwortlicher Redakteur der ZDF-Redaktion Zeitgeschichte


AWARDS

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Best Documentary

 

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