Bookmark and Share

Mythos Ägypten

Biografie zu Jean-François Champollion
Entdecker aus der Folge: Wettlauf um den Hieroglyphen-Code

Der 27. September 1822 blieb Jean-François Champollion (1790 – 1832) in guter und schlechter Erinnerung zugleich. Der Franzose stellte den Mitgliedern der "Akademie der Inschriften und der schönen Literatur" in Paris einen Teil seiner Forschungsergebnisse zu den Hieroglyphen vor. Längst feiert die Nachwelt den so genannten "Brief an Monsieur Dacier", den Ständigen Sekretär des ehrwürdigen Instituts, als Meilenstein in der Entwicklung der Ägyptologie. Doch kaum hatte der Referent an jenem Tag ausgeredet, fielen die meisten zuhörenden Wissenschaftler über ihn her. Sie beschuldigten ihn des Plagiats oder zweifelten seine Übersetzungen schlichtweg an.

Fast sein ganzes Leben lang musste Champollion Ungerechtigkeiten und Eifersucht seiner Kollegen ertragen. Doch die Natur hatte ihn mit einem starken Charakter ausgestattet, so dass er nie sein Ziel aus den Augen verlor, als Erster den Code der Pharaonen zu knacken. Gesundheitlich hingegen blieb er weniger robust. Schon in jungen Jahren plagten ihn heftige Kopfschmerzen, Reizhusten und Atemnot. Er litt unter nervöser Erschöpfung und brach öfter ohnmächtig zusammen. Ständiges Lesen bei schummeriger Beleuchtung griff sein Augenlicht an. Später kamen Schwindsucht, Gicht, Diabetes, Nieren- und Leberschäden hinzu. Dennoch bewältigte der besessene Gelehrte ein ungeheures Arbeitspensum und gönnte sich so gut wie nie eine Ruhepause.

Abgesehen von wenigen Reisen nach Italien und der großen Ägypten-Expedition wohnte der Forscher abwechselnd in Grenoble und Paris. Seine Heimatstadt Figeac im Südwesten Frankreichs verließ er schon als Schüler. Erst 1816 kehrte er für längere Zeit zurück, als ihn die Royalisten wegen politischer Aktivitäten dorthin verbannten. Wie Belzoni stammt auch Champollion aus einem armen Elternhaus. Als fahrender Buchhändler verdiente der Vater nur wenig, die Mutter kränkelte ständig. Jean-François war das Nesthäkchen, und seine drei Schwestern liebten ihn abgöttisch. Aber der wichtigste Mensch wurde für ihn Jacques-Joseph. Der ältere Bruder hatte zwar durch die Wirren der Revolution nur eine sporadische Ausbildung genossen, brachte es jedoch mit Fleiß und Ehrgeiz zum Professor für griechische Literatur. Im Lauf seiner Karriere bekleidete er die verschiedensten akademischen Ämter. Früh erkannte er die Begabung des Jüngeren und half ihm, wo immer er konnte, vor allem aus der ständigen Geldnot. Um die Studien seines Schützlings nicht zu gefährden, bewahrte ihn der einflussreiche Jacques-Joseph sogar mehrfach vor dem Militärdienst.

Weil seine Eltern wenig Zeit für ihn hatten, brachte sich Jean-François aus Langeweile das Lesen und Schreiben selbst bei. Beim Abmalen der Buchstaben entwickelte er ein vorzügliches Bildgedächtnis, was ihm später half, Ähnlichkeiten unter Tausenden von Hieroglyphen zu erkennen und sie in Gruppen einzuteilen. Neugier auf alles und die Liebe zum Detail zeichneten den aufgeweckten Jungen von Kindesbeinen aus. So wundert es nicht, dass er die Schule als Zwangsjacke empfand und sich gegen die Strenge mit sarkastischem Humor und beißendem Spott auflehnte. Der Pennäler, der mit zwölf Jahren schon fließend Griechisch und Latein sprach, Hebräisch, Arabisch, Syrisch und Chaldäisch studierte, hatte kurioserweise große Schwierigkeiten mit der Rechtschreibung in seiner Muttersprache. Mathematik hasste er geradezu. Was seinen Mitmenschen wie eine Marotte erschien, wurde für den Schüler zur großen Herausforderung: Er wollte das Rätsel um die Erschaffung der Welt lösen! Dafür musste er die alten orientalischen Sprachen beherrschen, um frühe Versionen des Bibeltextes mit verwandten Quellen vergleichen zu können. Denn obwohl die Französische Revolution die katholische Kirche an den Rand gedrängt hatte, galt das Alte Testament noch immer als allein gültiges Denkmodell, als Maßstab für die Geschichtsschreibung der Menschheit. Als Jean-François zum ersten Mal die heiligen Zeichen der Alten Ägypter sah, machte er sich die Entzifferung der Hieroglyphen zur Lebensaufgabe.

Dass Champollion über Jahrzehnte ein immenses Arbeitspensum bewältigte und sich selbst von massiven Anfeindungen nicht beirren ließ, sondern stur seinen Weg verfolgte, offenbart ihn als ungebrochenen Einzelkämpfer – mutig und aufgeschlossen. Selbst die kniffligsten Probleme schreckten ihn nicht ab. Mit Geduld und Sorgfalt trug er sämtliche erreichbaren Quellen zusammen, listete das gesammelte Material auf, klassifizierte und analysierte es, bevor er aus der Beweiskette seine streng logischen Schlüsse zog. Während seine Konkurrenten beim Hieroglyphen-Puzzle zwar magere Erfolge an Einzelbeispielen erzielten, glänzte er als erster Mensch seiner Zeit mit dem Lesen vollständiger ägyptischer Texte. Den Durchbruch hatte er allein mit seiner systematischen Methode geschafft.

Einerseits wuchs Champollion als Kind der Revolution auf, die Religion aktiv unterdrückte. Andererseits bildeten ihn Männer aus, die vor dem Umsturz Mönche oder Priester waren. Das verlieh dem hoch intelligenten Knaben eine Bandbreite des Denkens, die ihm das Verständnis der Hieroglyphen erleichterten. Seine Kollegen neigten stets zur Fraktionsbildung und Polarisierung und trugen ihre Thesen – für oder gegen die Kirche, für oder gegen Napoleon – dogmatisch vor. Er hingegen wog die Argumente ab und zog seine eigenen Schlüsse, was sich in akademischen Fragen als Segen, in Zeiten politischer Umbrüche aber als riskant zeigte. So wandelte sich Champollion vom Gegner zum glühenden Anhänger Napoleons. Das brachte ihn bei der monarchistischen Reaktion in Misskredit, ja sogar in die Verbannung und trug ihm lebenslang den Hass und die Feindschaft vieler Royalisten ein.
Als der Gelehrte nach vielen Rückschlägen 1824 endlich den "Abriss des hieroglyphischen Schriftsystems der Alten Ägypter" veröffentlichen konnte, erkannten weite Kreise seine große Leistung an. Champollion wurde zum Kustos der Ägyptischen Sammlung des Louvre ernannt und mit Ehrungen überschüttet. Seinen persönlich größten Triumph sah er in der Reise nach Ägypten. Dort konnte er in endlosen Hieroglyphentexten schwelgen und sie zum Erstaunen seiner Begleiter und der Einheimischen fließend übersetzen. Als er nach 16 Monaten in Hochstimmung wieder in Frankreich eintraf, hatten ihn die Strapazen deutlich gezeichnet. Nur noch zwei Jahre war es ihm vergönnt, als Professor den ersten Lehrstuhl für Ägyptologie am Collège de France zu führen. Am 4. März 1832 starb der geniale Kopf an den Folgen eines Schlaganfalls im Alter von nur 41 Jahren und wenigen Monaten. Sein treuer Bruder Jacques-Joseph vollendete schließlich die "Ägyptische Grammatik" und gab das Werk 1836 posthum heraus.

Jean-François Champollion hat seinen Lebenstraum verwirklicht und sich mit einer wissenschaftlichen Großtat unsterblich gemacht. Er schenkte der Welt das Wissen über die Pharaonen und ihre versunkene Kultur. Seine spektakuläre Leistung öffnete ein Kapitel der Menschheitsgeschichte, das über Jahrtausende mit sieben Siegeln verschlossen war.

 

<< Zurück

 
Dieses Produkt zur Sendung finden Sie im BBC Shop.

Zum Shop

Mehr Sendungen zum Thema "Kulturen":


Versunkene Metropolen

114 Tage Angst - Die Entführung des BBC-Reporters Alan Johnston

Mythos Atlantis

Jetzt downloaden
Jetzt downloaden
 
 

© 2012 BBC Worldwide Ltd. All rights reserved. The BBC Germany word marks and logos are trademarks of BBC Worldwide Limited | BBC Worldwide Germany GmbH - Cologne