Jean-François Champollion - Wettlauf um den Hieroglyphen-Code
Jean-François Champollion war einer der genialsten Köpfe
unter den Gelehrten seiner Zeit. Bereits mit 17 Jahren beherrschte das
Wunderkind ein halbes Dutzend alter Sprachen und verkündete
selbstbewusst: "Ich werde die Hieroglyphen entziffern!"
1790 als Sohn eines fahrenden Buchhändlers in der französischen
Kleinstadt Figeac geboren, verbringt der begabte Junge aus eigenem Antrieb
Tag und Nacht über Büchern. Kaum ist er 18, verleiht ihm die
Universität Grenoble die Doktorwürde und eine Professur für
Alte Geschichte. Doch kein Amt und keine berufliche Aufgabe kann
Champollion davon abhalten, seine fixe Idee zu verfolgen. Er will
als Erster den Code der Pharaonen knacken – die vergessene Bilderschrift
der Alten Ägypter.
Napoleons Einmarsch in Ägypten verschafft den Europäern kurz
vor Beginn des 19. Jahrhunderts Zugang zu dem geheimnisvollen Land am
Nil. Mehr als 150 Wissenschaftler begleiten das Heer, um die versunkene
Kultur zu erforschen und Antiquitäten für Frankreich zu sammeln.
Bei Schanzarbeiten nahe der Hafenstadt Rosette – 70 Kilometer
östlich von Alexandria – entdecken die Soldaten einen schwarzen
Basaltstein. Der massive, fast vier Meter hohe Klotz ist auf einer
Seite poliert und mit Inschriften bedeckt: drei Kolumnen in drei verschiedenen
Schriften – 14 Zeilen in Hieroglyphen, 32 Zeilen in Demotisch
– einer Spätform des Altägyptischen – und 54 Zeilen
im bekannten Griechisch. Es handelt sich um eine Widmung der Priester
von Memphis aus dem Jahr 196 vor Christus an ihren Pharao Ptolemäus
V.
Obwohl Champollion bald darauf nur fehlerhafte Abschriften der Texte
vorliegen, ist er davon überzeugt, dass alle drei den gleichen
Inhalt haben. Das könnte der Schlüssel zur Lösung des
Rätsels sein. Doch der Franzose bleibt nicht der einzige Code-Knacker.
Nachdem die britischen Truppen Napoleon geschlagen, den Stein von
Rosette erbeutet und nach London geschafft haben, brütet –
in Konkurrenz mit anderen Kollegen – vor allem der vielseitige
Wissenschaftler Thomas Young über den mysteriösen Zeichen.
Zwar beschäftigte sich der renommierte Arzt und Physiker damals
schon seit zwei Jahrzehnten mit Hieroglyphen, doch den Durchbruch
schaffte er nicht. Jetzt beginnt der Wettlauf zweier ehrgeiziger Sprachforscher,
die lange nichts voneinander wissen. Als Champollion wegen politischer
Spottreden für mehr als eineinhalb Jahre aus Grenoble verbannt
und damit von seinen Studien abgeschnitten wird, verkündet der
Brite, kurz vor dem Ziel zu stehen.
Sind die Hieroglyphen wirklich Buchstaben mit Lautwert, wie der Franzose
glaubt? Oder stimmt Youngs These, daß es sich lediglich um Bildzeichen
handelt, die vollständige Begriffe ausdrücken – ähnlich
denen auf Hinweistafeln? Jean-François Champollion hat schließlich
die zündende Idee. Er widmet sich intensiv dem Koptischen, der
alten, aber noch gebräuchlichen Sprache ägyptischer Christen.
Davon erhofft er sich eine Annäherung an die Schreibweise
der Pharaonenzeit. Nach und nach wird dem unermüdlichen Tüftler
klar: Die Hieroglyphen sind ein komplexes System aus Lautzeichen und
Symbolen – und damit sehr wohl eine geschriebene Sprache.
Den letzten Schlüssel für die Entzifferung liefern die so
genannten Kartuschen auf dem Rosette-Stein – die eingerahmten
Königsnamen "Ptolemäus" und "Kleopatra",
die auch in der griechischen Version stehen und somit leicht zu lesen
sind.
Nach zahllosen Anfeindungen und Plagiatsvorwürfen vollendet Champollion
1824 sein bahnbrechendes Werk "Abriss des hieroglyphischen Schriftsystems
der Alten Ägypter". Damit hat er sein Versprechen aus Jugendtagen
eingelöst – er kann Hieroglyphen deuten! Und noch ein Lebenstraum
erfüllt sich. Als gefeierter Experte segelt er mit einer vom König
finanzierten Expedition nach Ägypten, wenn auch unter denkwürdigen
Auflagen: Sollte er auf Erkenntnisse stoßen, die der kirchlichen
Lehre widersprechen, werden seine Forschungen weder anerkannt noch
veröffentlicht. Denn die Existenz einer hochentwickelten Zivilisation
im Nilland Jahrtausende vor Christi Geburt stelle die Chronologie
der Bibel in Frage – so die Furcht hoher Kirchenfürsten.
In einer Grabstätte nahe den Pyramiden, im Tal der Könige
und in Abu Simbel öffnet sich für Champollion in den mit Hieroglyphen
übersäten Wänden eine gigantische "Bibliothek".
Endlich muss sich der Wissenschaftler nicht mehr mit Kopien begnügen,
sondern kann die Originale studieren. So erfährt er viele spektakuläre
Einzelheiten über das Leben im Pharaonenreich, über Tempel,
Götter und mächtige Herrscher – jedoch auch die für
den Vatikan unbequeme historische Wahrheit: Die Geschichtsschreibung
der Kirche muss falsch sein.
Nach 16 Monaten kehrt der Schriftgelehrte erschöpft, aber glücklich
nach Paris zurück. Noch zwei Jahre kann er seine neue Lehrtätigkeit
als Professor für Ägyptologie am Collège de France
ausüben. 1832 stirbt Jean-François Champollion, der sein
Leben lang gesundheitlich schwächelte, im Alter von nur 41 Jahren
an einem Schlaganfall.
"Jean-François Champollion – Wettlauf um den Hieroglyphen-Code"
schildert spannende Sternstunden in der Erforschung des ägyptischen
Altertums. Das aufwändige Dokudrama, eine Koproduktion von ZDF
und BBC, porträtiert den hartnäckigen Franzosen, der mit unermüdlichem
Fleiß und gegen alle Widerstände den Vorhang zum Verständnis
einer großen Kultur geöffnet hat.
Produktion
Buch Jonathan Rich
Kamera Peter Hannan, Stefan Stankowski,
David Morgan
Produktion ZDF, BBC
Redaktion Claudia Moroni, Helga Lippert
Darsteller: Elliot Cowan, Stuart Bunce, u.a.