Giovanni Belzoni - Im Bann des Großen Ramses
Giovanni Belzoni zählt zu den schillerndsten Figuren, die seit
Ende des 18. Jahrhunderts das Alte Ägypten erforschen. Seine einzigartige
Karriere vom Zirkusartisten zu einem der großen Entdecker antiker
Schätze verdankt der Mann aus Padua dem puren Zufall.
Lange sucht der Sohn eines Barbiers nach seiner beruflichen Bestimmung.
Eigentlich will der arme Junge Mönch werden. Doch politische Wirren
zwingen ihn, die Heimat zu verlassen. In Holland studiert er Hydraulik
– und landet schließlich in England beim Zirkus. Der Zwei-Meter-Mann
tingelt als Gewichtheber unter dem Künstlernamen "der Große
Belzoni" umher, bevor es ihn ins exotische Ägypten verschlägt.
Dort sucht der Italiener eine neue Existenz. Nach der Invasion Napoleons
zieht es viele europäische Glücksritter an den Nil. Forscher
und Schatzjäger wetteifern um die wertvollsten Funde und plündern
das Land gnadenlos aus.
1815 trifft der Abenteurer mit seiner Frau Sarah und dem Diener James
Curtain in Kairo ein. Schon bald begegnet er zwei Männern, die
sein Leben verändern sollten: dem Schweizer Gelehrten Johann Ludwig
Burckhardt und dem britischen Generalkonsul Henry Salt. Burckhardt
reist damals im Auftrag der "African Association" durch den
Orient, Salt sammelt für das Britische Museum, vor allem aber
für sich persönlich, alle Altertümer, die er in seinen
Besitz bringen kann – mit welchen Mitteln auch immer. Die beiden
geben dem technisch versierten Muskelmann eine Chance. Ein überdimensionaler,
sieben Tonnen schwerer Granitkopf soll aus einem Tempel bei Theben
an den Nil geschafft und nach London verschifft werden. Bisher ist es
keinem gelungen, den Koloss zu bewegen. Selbst die französischen
Konkurrenten haben sich lange vergeblich mit dem so genannten "Memnon"
abgemüht. Da die Hieroglyphen noch nicht entziffert sind, ahnt
zu jener Zeit niemand, dass der steinerne Riese Ramses II. abbildet,
den mächtigsten Pharao aller Zeiten.
Für den schwierigen Transport des Giganten scheint der findige
Ingenieur der ideale Partner zu sein. Doch zunächst steht
er vor einem unlösbaren Problem. Alle angeheuerten Helfer verweigern
die Arbeit. Eine Intrige, die der französische Konsul Bernardino
Drovetti, Salts ärgster Widersacher als Kunstsammler, angezettelt
hat. Dennoch gelingt es dem zähen Belzoni, das Unmögliche
gegen alle Widerstände zu vollbringen: Die Monumentalbüste
reist nach England.
"Immer wenn ich ihn anschaute, glaubte ich, er lächle mich
an", sagt der Italiener und sieht darin einen Wink des Schicksals.
Er will mehr über das rätselhafte Land und seine verborgenen
Geheimnisse erfahren. Der ehemalige Akrobat erliegt dem Forscherdrang
und sucht weiter nach Spuren der Vergangenheit. Dabei stößt
er überall auf die Leute seines Rivalen Drovetti. Die Schatzsucher
liefern sich ein erbittertes Wettrennen um die besten Objekte.
Dem Franzosen geht es vor allem um persönlichen Profit. "Ägyptologie"
ist für ihn nicht mehr als ein lohnendes Geschäft. Belzoni
jedoch fühlt sich mehr und mehr der Wissenschaft verpflichtet –
und seinem Auftraggeber Henry Salt. Zu spät erkennt der gutgläubige
Hüne, daß auch der Brite keineswegs nur das heimische Museum
bedient, sondern hauptsächlich seine eigenen Taschen füllt.
Auf mehreren abenteuerlichen Reisen von Kairo nach Assuan glücken
Belzoni spektakuläre Coups. Im Kampf um die Sicherstellung der
Altertümer kommt ihm immer wieder sein technisches Wissen
zugute. So kann er den Obelisken von Philae bergen und im Tal der Könige
mit geschultem Auge sechs Pharaonengräber aufspüren. Doch
erst seine Entdeckung von 1817 macht den Italiener weltberühmt:
Am 18. Oktober legt er den Eingang zur letzten Ruhestätte
Sethos I. frei. Der Regent war der Vater von Ramses II. –
jenes Herrschers, der in Belzoni die Leidenschaft für Ägypten
ausgelöst hat, obwohl er den wahren Namen des Pharao nie erfährt.
Ramses II. lebte im 13. Jahrhundert vor Christus. 67 Jahre lang lenkte
der König, der als "der Große" in die Annalen einging,
die Geschicke seines Volkes. Als er im damals ungewöhnlich hohen
Alter von 90 starb, hinterließ er mehr als 100 Kinder. Vor allem
aber verewigte sich Ramses II. mit unzähligen prächtigen Tempeln
entlang des Nil. In der Nubischen Wüste südlich von Assuan
ließ er das Monument von Abu Simbel errichten, das Johann Ludwig
Burckhardt erst kurz vor Belzonis Ankunft in Kairo wiederentdeckte.
Für den Italiener wird das atemberaubende Bauwerk zur größten
Herausforderung in seiner archäologischen Laufbahn. Denn im
Lauf der Jahrhunderte ist das gewaltige Felsenheiligtum unter vielen
tausend Tonnen Sand versunken. Aber davon lässt sich der besessene
Ausgräber nicht abschrecken. Mit Kolonnen von Arbeitern schaufelt
er den Eingang frei und schreitet als erster Mensch der Neuzeit voller
Ehrfurcht durch die von Säulen gesäumte, majestätische
Halle.
"Giovanni Belzoni – Im Bann des Großen Ramses"
erzählt das bewegte Leben eines ungewöhnlichen Mannes
und blättert eine der spannendsten Epochen in der Erforschung des
Alten Ägypten auf. Das aufwändige Dokudrama, eine Koproduktion
von ZDF und BBC, schildert in zwei Folgen Schlüsselmomente
der Geschichte: Belzonis Pioniertaten legten den Grundstein für
die wissenschaftliche Aufarbeitung der Pharaonenzeit.
Produktion
Kamera Peter Hannan, Rodrigo Gutierrez
Produktion ZDF, BBC
Redaktion Helga Lippert, Claudia Moroni
Darsteller: Matthew Kelly, Lynsey Baxter, Fuman Dar, u.a.