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Mythos Ägypten

Die 'Ägyptologen' der Neuzeit kamen gegen Ende des 18. Jahrhunderts ins Land. Viele lockte die Aussicht auf Abenteuer und einzigartige Schatzfunde. Die meisten reisten im Auftrag wohlbetuchter Sammler aus England, Frankreich, Italien und Amerika, denn in jenen Tagen galt es als chic, im Besitz ägyptischer Altertümer zu sein. Mehr oder weniger skrupellos wühlten die selbst ernannten Spezialisten unermüdlich in den Tälern und an den heiligen Plätzen entlang den Ufern des Nil. Es begann eine unaufhaltsame Jagd nach Mumien, kostbarem Schmuck, Keramik, Statuen, Obelisken und vielem mehr, die letztlich in unkontrollierbarer Plünderung mündete. Das pulsierende Kairo avancierte zum Umschlagplatz für Hehlerware, die über dunkle Kanäle an zahlungskräftige Abnehmer ins Ausland verschickt wurde.

Auszug aus dem ZDF-Begleitbuch
Vor zweihundert Jahren waren Ägyptens Denkmäler wenig mehr als Kuriositäten – die herrenlosen Relikte einer der Vergessenheit anheim gefallenen Kultur, die man ihrer Schönheit und Größe wegen bewunderte, aber nicht im Geringsten verstand. Mit der Entzifferung der Hieroglyphen im Jahr 1822 änderte sich dies grundlegend. Plötzlich konnte man die Worte der Menschen lesen, die schon so lange tot waren, und Ägyptens lange und komplexe Geschichte kam mit erstaunlicher Geschwindigkeit unter dem Sand zum Vorschein. Zunächst stand die männlich geprägte Kultur der Könige und der Elite im Mittelpunkt dieser Geschichte, während die gewöhnlichen, des Lesens und Schreibens unkundigen Mitglieder der Gesellschaft weiter stumm in ihren nicht gekennzeichneten Gräbern ruhten. Doch es war ein guter Anfang, und als das dynastische Gerüst erst einmal stand, folgte auch bald die Sozialgeschichte. Ägyptens Denkmäler waren nicht länger nutzlose Steine, sie waren die Schlüssel zum Verständnis seiner Vergangenheit.

Parallel zum Verständnis der ägyptischen Geschichte wuchs auch die Einsicht in die Notwendigkeit sorgfältiger Ausgrabung, angemessener Konservierung sowie umfassender Dokumentation und Publikation. Heute ist man sich darin einig, dass der Ausgräber eine Sorgfaltspflicht gegenüber der Vergangenheit wie auch gegenüber der Zukunft hat. Der Erhalt der Denkmäler hat für den Ägyptologen heute absolute Priorität, während Ausgrabungen nur noch im Notfall durchgeführt werden, etwa wenn es gilt, eine bestimmte Frage zu klären oder eine bedrohte archäologische Stätte zu dokumentieren. Findet eine Ausgrabung statt, so muss sie umfassend und sorgfältig dokumentiert werden. Denn eine archäologische Stätte auszugraben heißt – gleichgültig, ob es sich um einen Tempel, eine Stadt oder ein Grab handelt – letztlich auch immer, sie zu zerstören, ebenso wie die Entfernung eines antiken Artefakts aus seiner abgeschlossenen Umgebung, in der es jahrhundertelang geruht hat, nur allzu oft seine Zerstörung bedeutet. Sind die Sandmassen einmal beseitigt und die erhaltenen Artefakte in Kisten verpackt und nach Kairo geschickt worden, so gestattet es einzig und allein die vom Ausgräber erstellte Dokumentation künftigen Generationen, die einstige, von neuzeitlichen Händen unberührte Stätte wiederauferstehen zu lassen.

Das bis heute ehrgeizigste Konservierungsprojekt wurde gar nicht im eigentlichen Ägypten durchgeführt. Nachdem die Entscheidung zum Bau des von Russland finanzierten Assuan-Hochdamms gefallen war, wurde in den frühen sechziger Jahren des vergangenen Jahrhunderts mit der Überflutung eines großen Teils des Niltals begonnen, um einen riesigen Stausee zu schaffen, der sich von der ägyptischen Stadt Assuan bis zum fast fünfhundert Kilometer weiter südlich gelegenen Dal-Katarakt im Sudan erstrecken sollte. Sämtliche Denkmäler in diesem Gebiet – darunter der griechisch-römische Philae-Tempel und die beiden von Ramses II. erbauten und von Belzoni freigelegten Tempel von Abu Simbel – würden für immer in den Fluten verschwinden. Die kleineren Tempel, wie der auf Philae, konnten ab- und an einer höher gelegenen Stelle wiederaufgebaut werden; dies tat man auch, wobei einige weniger bedeutende Tempel in ausländischen Museen wiedererrichtet wurden. Doch die Tempel von Abu Simbel waren riesig und in den Felsen gehauen. Wie konnte man sie retten? Ein internationales Expertenteam unterbreitete eine Reihe mehr oder weniger praktikabler Vorschläge: Vielleicht konnte man die Tempel in eine durchsichtige Blase einschließen, die sie vor den Wasserfluten ringsum schützen würde? Vielleicht sollten sie einen eigenen Damm erhalten, der das Wasser zurückhielt? Schließlich erkannte man, dass man die Tempel samt Teilen der Felsoberfläche in eine neue, künstlich geschaffene Landschaft würde umsetzen müssen. Da die Arbeit am Hochdamm bereits begonnen hatte, musste in einem ersten Schritt ein temporärer Fangdamm zum Schutz der Tempel gebaut werden. Dann zersägten Spezialisten die Tempel in riesige Einzelblöcke, die an der Felswand hochgezogen und am künftigen Standort unter zwei Betonkuppeln erneut zusammengesetzt wurden. Zum Schluss wurden die Kuppeln mit einem künstlichen Hügel überdeckt. Nach vier Jahren intensiver Arbeit fand am 22. September 1968 die offizielle Wiedereröffnung der Tempel statt. Es spricht für die sorgfältige Ausführung des Projekts, dass viele Touristen ganz vergessen, dass sie ja in Tempeln stehen, die versetzt wurden. Das wird ihnen erst wieder bewusst, wenn sie sich im rückwärtigen Teil der Kuppelkonstruktion umsehen.

Die großen Ägyptologen der Vergangenheit waren Universalgelehrte, die noch alle bei ihren Grabungen anfallenden Tätigkeiten selbst übernehmen konnten – Vermessung, Ausgrabung, Erstellung von Plänen, Fotografie, Analyse der Keramik, Identifizierung von Knochen, Auswickeln von Mumien und so weiter. Die Entdeckung von Tutanchamuns unversehrtem Grab im Jahr 1922 machte deutlich, dass ein solches Vorgehen nun nicht mehr angemessen war. Heutige Ausgräber leiten ein Team von Fachleuten für traditionelle wie moderne wissenschaftliche Methoden. Einheimische Arbeiter werden nach wie vor zur eigentlichen Grabungsarbeit eingesetzt, allerdings nicht mehr in dem Umfang wie zu Belzonis oder Petries Zeiten. Die Arbeit geht wesentlich langsamer vonstatten, sie wird wesentlich sorgfältiger ausgeführt und wesentlich besser überwacht, wobei die Altertümerverwaltung völlig zu Recht darauf besteht, dass nur Fachleute mit entsprechender Ausbildung und Erfahrung einen Fuß in die archäologischen Stätten Ägyptens setzen.

Welcherart sind also die Arbeiten, die heute in Ägypten durchgeführt werden? Gegenwärtig sind Hunderte von Teams aller Nationalitäten (darunter auch Ägypter) im Niltal und im Delta tätig. Viele davon sind mit langfristigen Konservierungsprojekten beschäftigt oder führen Nachgrabungen an Orten aus, an denen Grabungen in der Vergangenheit nicht mit der erforderlichen Gründlichkeit durchgeführt worden waren. Der gewissenhafte Flinders Petrie wäre entsetzt, wenn er wüsste, dass seine sorgfältig durchsiebten Schutthaufen bei heutigen Ägyptologen als wahre Fundgruben gelten, und es wäre ihm vermutlich kein großer Trost, wenn man ihm sagte, dass die Halden anderer Archäologen sich als noch weitaus ergiebiger erweisen. Viele der heutigen Projekte konzentrieren sich auf den thebanischen Raum. Seit 1965 widmet sich das "Akhenaten Temple Project", dieses zunächst von Ray Winfield Smith, dann von Donald B. Redford geleitete Projekt der Analyse und Rekonstruktion der abertausend mit Inschriften versehenen Blöcke, die einst die Mauern von Echnatons Tempeln gebildet hatten. Diese Blöcke, in der Regierungszeit Haremhabs abgetragen und als Füllmaterial im Karnak- und im Luxortempel wiederverwendet, wurden wie ein Puzzle zu virtuellen Tempeln zusammengesetzt, deren Szenen man studieren und deren Inschriften man lesen kann: "Mit Hilfe von Fotografien der reliefgeschmückten Oberflächen dieser Blöcke und mit Hilfe eines Computers haben wir Tausende von Steinen wieder zusammengefügt und dabei großartige Kunstwerke nach Tausenden von Jahren erneut Gestalt annehmen sehen."

Auf dem gegenüberliegenden Nilufer finden seit langem Konservierungsarbeiten am Hatschepsut-Tempel in Deir el-Bahari statt, wo Navilles Arbeit der Jahre 1893 bis 1904 von einer Mission des New Yorker Metropolitan Museum unter der Leitung von Herbert E. Winlock in den zwei Jahrzehnten zwischen 1911 und 1931 fortgeführt wurde. 1961 nahm ein Team des Polnischen Zentrums für Archäologie im Mittelmeerraum der Universität Warschau eine neue Bestandsaufnahme des Tempels vor. Die Arbeit dieses Teams führte schließlich dazu, dass sich seit den neunziger Jahren des letzten Jahrhunderts epigraphische Untersuchungen (Universität Warschau, unter der Leitung von J. Karkowski) und Restaurierungsarbeiten (Polnisch-Ägyptische Mission unter der Leitung von F. Pawlicky) saisonweise abwechseln. Nun, da die Terrassen wieder zugänglich sind, hat der Tempel einen Teil seiner ursprünglichen Großartigkeit wiedergewonnen.
Niemand erwartet heute, dass man im Tal der Könige oder im Tal der Königinnen noch einmal auf einen so reichen Schatz stoßen wird, wie man ihn in Tutanchamuns Grab gefunden hat, doch hält der Ägyptologe Nick Reeves es für durchaus möglich, dass Nofretete, wie schon Semenchkare, irgendwo in der thebanischen Nekropole bestattet oder dorthin umgebettet wurde. Und wir wissen auch, dass viele Mitglieder der Königsfamilie des Neuen Reiches – nicht Könige, wohl aber -Königinnen, Prinzen und Prinzessinnen – noch verschollen sind. Das Hauptaugenmerk richtete sich dabei in den letzten Jahren auf die über hundert Kinder Ramses’ II. Wir wissen, dass Ramses für jene seiner Töchter, die eine bedeutendere Position innehatten – nämlich die, die er geheiratet hat – Gräber im Tal der Königinnen bauen ließ. Es ist anzunehmen, dass ihre weniger bedeutenden unverheirateten Schwestern auf den Friedhöfen beigesetzt wurden, die zu den verschiedenen Harims gehörten – jenen mit Landbesitz ausgestatteten Einrichtungen für königliche Frauen –, in denen sie ihr Leben verbracht hatten. Doch was ist mit ihren Brüdern? Als König von Ägypten hat Merenptah ein entsprechendes Grab im Haupttal. Chaemwaset wurde möglicherweise in der näheren Umgebung der Apis-Stiere in Saqqara bestattet. Aber was geschah mit den über vierzig anderen? Die Wiederentdeckung des Grabes KV 5 im Jahr 1989 lieferte die unerwartete Antwort.

KV 5 war bereits auf den frühesten Karten des Tals eingezeichnet gewesen und von dem britischen Reisenden James Burton im Jahr 1825 sogar schon erkundet worden. Er grub einen Tunnel durch den Schutt, der das Grab teilweise bis zur Decke anfüllte, und untersuchte die ersten drei Kammern, fand jedoch die ganze Geschichte höchst unbefriedigend.

Das Grab war in einem erbärmlichen Zustand. Den Gang, der von der Pfeilerhalle in die darunter liegenden Kammern führt, sieht man gar nicht, weil er ganz mit Schlamm und Erde angefüllt ist. Die Gruft muss sehr tief in den Talboden hineingehauen oder der Talboden durch die Schutt- und Geröllmassen, die bei Unwettern von den Hängen rutschen, stark erhöht worden sein. Es ist möglich, dass es einen Gang gibt, der von einem Raum unterhalb der Pfeilerhalle in jene Kammer führt, in der der Sarkophag stand.
Auch Lepsius hat das Grab in Augenschein genommen und die Kartusche Ramses’ II. auf dem Türpfosten in seinen Aufzeichnungen dokumentiert. Im frühen 20. Jahrhundert wurde der Eingang dann unter Tonnen von Abraummaterial begraben, die Howard Carter achtlos dort abladen ließ; er hatte das Grab 1902 inspiziert und offenkundig für bedeutungslos gehalten. Das Grab verschwand zwar, doch in Vergessenheit geriet es nicht. Als sich 1985 abzeichnete, dass KV 5 bei der geplanten Verbreiterung der Zufahrtsstraße ins Tal der Könige zerstört werden könnte, machte sich das Theban Mapping Project unter der Leitung des amerikanischen Ägyptologen Kent Weeks auf die Suche nach dem verschollenen Grab, um es zu retten und zu dokumentieren.

Das Grab war, genau wie Burton es geschildert hatte, von einer hart gewordenen Masse aus Schlamm und Geröll blockiert, die bei mehreren Überschwemmungen in die Kammern gespült worden waren. Zudem hatte seit Carters Zeiten eine lecke Abwasserleitung ihren abstoßenden Inhalt über den gesamten Eingangsbereich verteilt, was den Ausgräbern erhebliche zusätzliche Probleme bereitete. Zeitweise konnten noch nicht einmal 0,2 m3 Schutt pro Tag beseitigt werden, und entsprechend langsam ging die Freilegung des Grabes voran, doch nach und nach offenbarte sich seine ganze Größe. Zunächst kam man in Vorkammern und eine große, mit sechzehn Pfeilern versehene Halle, dahinter schloss sich ein langer Korridor an. Von diesem gingen auf jeder Seite zehn Türöffnungen ab; die beiden letzten führten ihrerseits in weitere Gänge mit noch mehr Seitenkammern. Das Grab – bei weitem das größte im Tal – ist eine Gruft oder ein Mausoleum für die königlichen Prinzen und erinnert stark an das Serapeum in Saqqara, das deren Bruder Chaemwaset anlegen ließ. Die Arbeit im Grab ist noch in vollem Gange, doch fand man bereits mehr als hundert Kammern, die auf verschiedenen Ebenen in den Fels gehauen waren. Bisher sind die Ausgräber auf keine ungestörten Bestattungen gestoßen, allerdings fand man in einer Grube in einer der Kammern menschliche Überreste (drei Schädel und ein komplettes Skelett). Es sind auch noch keine nennenswerten Artefakte, keine Sarkophage oder Särge gefunden worden, doch eine Unmenge von Tonscherben, Uschebtis, Perlen, Amulette und Fragmente von Kanopenkrügen im Schutt deutet auf eine Reihe reicher, aber ausgiebig geplünderter Bestattungen hin.

In Nordägypten sind im Pyramidenbezirk von Gisa noch immer Grabungsarbeiten in Gange. Allerdings gilt das Hauptaugenmerk der Fachleute jetzt nicht mehr den Pyramiden selbst, sondern der "Pyramidenstadt", den Wohnquartieren und Gräbern der vielen tausend Pyramidenarbeiter und ihrer Aufseher. In Ägypten waren alle Baustellen offizieller Bauten mit Arbeitern bemannt, die für einige Monate dienstverpflichtet und dann wieder in die Freiheit entlassen wurden. Während der Dauer ihres Dienstes lebten diese Arbeiter auf Zeit in vom Staat bereitgestellten Unterkünften in der Nähe der Baustelle. Hier erhielten sie Essen und Kleidung und wurden, falls nötig, ärztlich versorgt. Lange Zeit hatte man befürchtet, die Arbeiter von Gisa seien in unmittelbarer Nähe des Nils untergebracht gewesen und ihre Häuser aufgrund des hohen Grundwasserspiegels verfallen. Doch eigentlich schien eine solche Standortwahl wenig sinnvoll. Wahrscheinlicher war, dass die Arbeiterunterkünfte so nahe wie möglich an der Baustelle errichtet wurden. 1880 äußerte Flinders Petrie die Vermutung, bei einer Reihe langer Galerien hinter der Chephren-Pyramide könnte es sich um die Überreste von Baracken handeln, in denen an die viertausend Mann Platz gefunden hätten. Diese "Baracken" weisen aber keinerlei Spuren einer Nutzung als Wohnquartier auf, und man nimmt heute allgemein an, dass es sich wohl eher um Werkstätten oder Magazine gehandelt hat.

Inzwischen geht man davon aus, dass die Arbeiter, ihre Aufseher und, in einigen Fällen, auch ihre Familien gleich außerhalb jener eindrucksvollen Kalksteinmauer lebten und auch starben, die wir heute als "Krähenwall" kennen und die einst die Grenzen der Nekropole von Gisa markierte. Die Häuser aus dem Altertum hat man noch nicht entdeckt, vermutlich liegen viele unter der heutigen Stadt Nazlet el-Samman begraben. Doch etwas abseits der Stadt hat der amerikanische Ägyptologe Mark Lehner in einem 1988 begonnenen und bis heute fortgeführten Projekt einen großen, aus Lehmziegeln errichteten "Gewerbekomplex" freigelegt, der aus der Zeit des Pyramidenbaus stammt. Hier finden wir Belege für eine Massenproduktion und Massenverpflegung in beispiellosem Umfang. Hunderte dickwandige glockenförmige Brotbackformen aus Ton und zahlreiche Backgruben markieren den Standort von zwei Bäckereien. Ein großer Bau mit knöchelhohen "Borden" oder "Bänken" wurde als Fischverarbeitungsbetrieb identifiziert. Der Boden ist mit einer dicken Schicht hart gewordener Asche und organischen Materials bedeckt, in der man u. a. Fischabfälle – Kiemen, Flossen, Köpfe und sogar Gräten – fand. Ein weiterer "Betrieb" wurde als Kupferwerkstatt identifiziert. Die weggeworfenen Tierknochen und Getreidekörner – Details, denen frühe Ägyptologen so gut wie keine Beachtung schenkten – geben Aufschluss über die Ernährung der Arbeiter. Diese ernährten sich nicht nur von Brot, Bier und Fisch – den klassischen Nahrungsmitteln der Bauern –, sondern ließen sich auch schon einmal eine Ente, ein Schaf oder Schwein und sogar einige ausgesucht gute Fleischstücke schmecken.

Unterdessen hat Dr. Zahi Hawass, der derzeitige Generalsekretär der Obersten Altertümerverwaltung, in einem parallellaufenden Projekt die Gräber entdeckt, die von den beim Pyramidenbau eingesetzten Arbeitern und Aufsehern in den Dünen oberhalb und westlich des Gewerbekomplexes gebaut wurden. Bisher hat er über sechshundert Bestattungen auf zwei Ebenen freigelegt. Der untere Friedhof enthält die bescheideneren Lehmziegelgräber, auch wenn es durchaus einige Miniatur-Stufenpyramiden, kleine Mastabas und bienenkorbförmige Gräber gibt, von denen manche von der Pyramidenbaustelle ›geborgte‹ Steinelemente aufweisen. Weiter oben befinden sich die größeren und kunstvolleren Kalksteingräber sowie ein serdab mit vier Statuen.

Anhand der Gräber und der Größe des Gewerbekomplexes schätzt Hawass, dass sich in Gisa rund fünftausend ›fest angestellte‹ Elite-Arbeitskräfte (Beamte, Aufseher und besonders qualifizierte Handwerker) sowie fünfzehntausend ›Zeitarbeiter‹ aufhielten, was bedeutet, dass zu keinem Zeitpunkt mehr als zwanzigtausend Menschen gleichzeitig auf der Baustelle beschäftigt waren. Die Untersuchung des Skelettmaterials aus den Gräbern ist zwar noch nicht abgeschlossen, doch zeichnen sich bereits einige interessante Ergebnisse ab. So gibt es zwischen den Arbeitern und ihren Aufsehern sehr deutliche Unterschiede. Da die gewöhnlichen Arbeiter lediglich für eine begrenzte Zeit auf der Baustelle beschäftigt waren, sind hier nur jene Unglücklichen bestattet, die während dieses zeitlich befristeten Einsatzes starben; wie zu erwarten, kam ein großer Teil von ihnen in Folge von Unfällen ums Leben. Das durchschnittliche Sterbealter der männlichen Arbeiter liegt bei dreißig bis fünfunddreißig Jahren; ihre Frauen, den Gefahren des Kindbetts ausgesetzt, starben noch früher. Die höher qualifizierten, in Voll- oder Teilzeit festangestellten Arbeitskräfte gingen davon aus, dass sie bis zur Fertigstellung des Pyramidenkomplexes mit ihren Familien auf der Baustelle lebten; ihre Gräber sind deshalb weit besser ausgestattet und enthalten auch die Bestattungen ganz junger und ganz alter Menschen. Die Lebenserwartung dieser der Elite angehörenden Männer lag zehn Jahre höher als die der gewöhnlichen Arbeiter. Von über sechshundert untersuchten Skeletten ist die Hälfte weiblich, die andere Hälfte männlich, wobei Säuglinge und Kinder über dreiundzwanzig Prozent der auf dem Friedhof Bestatteten ausmachen. Von Dr. Moamina Kamal von der Medizinischen Fakultät der Universität Kairo vorgenommene DNA-Untersuchungen haben bestätigt, dass es sich dabei um Familien handelt, da die DNA der Erwachsenenknochen weitgehend mit jener der Kinder übereinstimmt.

Die Entdeckung der Gräber der Pyramidenbauer von Gisa im Jahr 1990 durch Zahi Hawass war das Ergebnis logischer Schlussfolgerungen und sorgfältiger Grabungen. Die Entdeckung des römischen Friedhofs im Tal der goldenen Mumien in der Oase Baharija, gut 350 km südwestlich von Gisa, war das Ergebnis eines glücklichen Zufalls.

Eine verfallene Siedlung in der Nähe der heutigen Stadt Bawiti gilt bereits seit Längerem als einstige Heimat einer recht großen griechisch-römischen Gemeinde, und im nahe gelegenen Tempel Alexanders des Großen wurden bereits archäologische Untersuchungen durchgeführt. Doch insgesamt waren die Funde in diesem Gebiet eher bescheiden gewesen. Dann geriet eines Tages ein Esel ins Straucheln, der mit einem Bein in einem mit Sand angefüllten Loch eingesunken war. Der Besitzer des Esels arbeitete als Wächter für die Altertümerverwaltung auf dem Tempelgelände. Als er in das dunkle Loch hineinspähte, sah er interessante Dinge. Zahi Hawass wurde verständigt, und bald stellte sich heraus, dass der Esel über den Eingang zu einer Grablege mit mehreren Kammern gestolpert war, die in den Sandstein-Felsgrund gehauen und voller vergoldeter Mumien war. Das Grab war Teil eines zwischen fünf und zehn Quadratkilometer großen griechisch-römischen Friedhofs, und jedes seiner Gräber enthielt bis zu hundert Mumien in unterschiedlichem Erhaltungszustand. Die Entdeckung wurde drei Jahre lang geheim gehalten, dann aber schließlich im Juni 1999 vor der Weltpresse bekannt gegeben. Die Ausgrabungen sind noch im Gange, und man schätzt, dass das multidisziplinäre Team aus Archäologen, Konservatoren, Zeichnern und Künstlern mindestens ein Jahrzehnt brauchen wird, um die Stätte vollständig zu erforschen und zu publizieren.

Noch weiter im Westen ist ein von Steven Snape geleitetes Team der Universität Liverpool seit 1994 dabei, die ramessidische Festung Zawijet Umm el-Racham auszugraben. Zur Zeit Ramses’ II. erstreckte sich das mächtige ägyptische Reich im Norden bis nach Syrien, wo Ramses in Qadesch eine berühmt gewordene Schlacht gegen die Hethiter schlug, und im Süden bis nach Nubien hinein, wo er die Tempel von Abu Simbel bauen ließ. Doch die Sicherheit seiner Westgrenze bereitete Ramses stets Sorge, da dort die libyschen Stämme zunehmend erstarkten und sich im östlichen Delta niederzulassen drohten – von einer drohenden Invasion zu sprechen wäre wohl übertrieben. Zum Schutz vor einer potentiellen libyschen Bedrohung baute Ramses eine Reihe von Festungsstädten am Rande des Deltas und entlang der Mittelmeerküste. Die größte dieser Festungsstädte war auch die westlichste: Zawijet Umm el-Racham liegt rund 300 km westlich des Deltas an der Mittelmeerküste.

Zawijet Umm el-Racham war ganz offensichtlich so gebaut worden, dass es bei einem ernsthaften Angriff Schutz bot. Die äußere Lehmziegelmauer der Festung, als exaktes Quadrat mit einer Kantenlänge von 150 m angelegt, war viereinhalb Meter dick und wahrscheinlich neun Meter hoch. Das einzige Eingangstor in der Mitte der Nordseite wurde von wuchtigen Türmen geschützt. Bisher fanden sich jedoch keine Hinweise auf Kampfhandlungen innerhalb der Festungsmauern, und es scheint, dass Zawijet Umm el-Racham in den frühen Regierungsjahren Merenptahs, des Sohnes und Nachfolgers Ramses’ des Großen, friedlich geräumt wurde. Dies würde bedeuten, dass die Festung weniger als fünfzig Jahre genutzt wurde. Nach dem Abzug der Ägypter nahmen libysche Stämme sie in Besitz.

Etwa ein Drittel des Areals innerhalb der Festungsmauern wurde von den Mitgliedern des Teams aus Liverpool bereits freigelegt. Dabei stießen sie auf einen stattlichen Tempel, der aus dem qualitativ minderwertigen Kalkstein der Gegend errichtet worden war, auf Tempelmagazine, eine Reihe kleinerer Kapellen und einen Küchenbereich; hier fanden sich Belege für die Massenproduktion des Brotes, das zur -Verpflegung der rund 500 Soldaten benötigt wurde, die nach Snapes Schätzungen jeweils in der Festung in Garnison lagen. Das "Haus des Gouverneurs" wurde zwar erst teilweise freigelegt, doch ist bereits ersichtlich, dass es sich hier um das Gebäude handelt, in dem der Festungskommandant Neb-Re lebte und arbeitete. Die Ausgräber fanden sein Schlaf- und sein Badezimmer samt Standtoilette sowie seine Privatkapelle, in der sie eine nicht ganz lebensgroße prachtvolle Statue des Kommandanten entdeckten. Merkwürdigerweise war sein Name darauf getilgt worden.

In den Tempelmagazinen fanden sich große Mengen von qualitativ hochwertigen Keramikgefäßen aus einer ganzen Reihe von Ländern des östlichen Mittelmeerraums, so vom griechischen Festland, aus Kreta, Zypern, Syrien und Kanaan. Diese Keramik belegt eindrücklich, dass Zawijet Umm el-Racham ein wichtiges Glied in jener Kette von Handelsposten war, die in der späten Bronzezeit Handel in großem Umfang und über weite Entfernungen hinweg möglich machte. Vermutlich war der Standort mit Bedacht gewählt worden, konnte man doch von Zawijet Umm el-Racham aus nicht nur Ägypten vor den libyschen Stämmen, sondern auch seine Handelsrouten schützen.

Auch Alexandria liegt an der Küste. Im 4. Jahrhundert v. Chr. von Alexander dem Großen gegründet, zieht die antike Stadt schon seit Jahrzehnten Archäologen an, die an Land Ausgrabungen vornehmen. Inzwischen haben Ägyptologen aber erkannt, dass ein Großteil der Stadt in den Fluten des Hafens versunken ist, und beginnen, den Meeresboden abzusuchen. Die erste Ausgrabung unter Wasser wurde 1961 durchgeführt, als Kamal Abu el-Saadat, unterstützt von der ägyptischen Marine, eine Kolossalstatue der Isis bergen konnte. In jüngerer Zeit spürte dann 1994 ein Forschungsteam unter der Leitung des französischen Unterwasserarchäologen Jean-Yves Empereur Statuenteile, Säulen, Obelisken, Schiffswracks und Hunderte von Steinblöcken auf, die, wie Empereur vermutet, vom Pharos, vom Leuchtturm von Alexandria, stammen könnten, einem der Sieben Weltwunder der Antike (von denen heute nur noch die Große Pyramide von Gisa zu bewundern ist). Ein zweites Team unter der Leitung von Franck Goddio, einem weiteren französischen Fachmann für Unterwasserarchäologie, hat die Überreste eines Palastes entdeckt.
Auch viele deutsche Wissenschaftler sind gegenwärtig in Ägypten tätig – so Günter Dreyer in Abydos, Edgar Pusch in Qantir (dem alten Per-Ramesu oder Piramesse, der prachtvollen Stadt, die Ramses der Große erbauen ließ), Daniel Polz in Dra Abu el Naga und Rainer Stadelmann an mehreren Grabungsstätten (darunter die Rote Pyramide König Snofrus). Der Österreicher Manfred Bietak arbeitet zur Zeit in Tell el-Daba im Delta (dem antiken Auaris, der Hauptstadt der Hyksos-Könige). Davor hat Günter Roeder mit seiner Arbeit in Aschmunein (Hermopolis Magna) einen wichtigen Beitrag zu unserem Verständnis dieser Stätte geleistet.
Die Archäologie vor Ort in Ägypten floriert also. Doch auch weit weg vom Sand bzw. vom Wasser wird eine Menge Arbeit geleistet, nämlich in Museen und Laboratorien, wo die Funde aus der Vergangenheit unter Einsatz moderner Techniken erneut untersucht werden.

 

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