FOLGE 8 : An der Küste
Der schmale Streifen zwischen Land und Wasser ist die Grenze zwischen zwei Welten.
Im Zentrum der achten und letzten Folge stehen die Küsten, die über zigtausende Kilometer die Weltmeere säumen. Der schmale Streifen zwischen Land und Wasser ist die Grenze zwischen zwei Welten, aber alles andere als ein Niemandsland. Hier herrscht ständiges Kommen und Gehen von beiden Seiten.
95 Prozent aller Seevögel, die das ganze Jahr über auf dem offenen Meer jagen, kommen an Land, um sich in riesigen Kolonien zu paaren und zu brüten. Und diese ziehen Nesträuber von beiderseits der Küste an. Riesenseeadler und Skuas sind ebenso unermüdlich hinter den Eiern und Küken von Dreizehenmöwen her wie Polarfüchse und Bären. Nicht nur Schildkröten verlassen das Meer, um ihre Gelege im Schutz der Nacht im Sand zu vergraben. Auch so mancher Fisch tut es ihnen gleich: Lodden, die zu den Lachsfischen zählen, werfen sich an den Küsten Neufundlands an den Strand, um an die 10.000 Eier in Sandfurchen abzulegen. Die Eier bleiben am Boden haften, wo sie sich entwickeln werden; die erwachsenen Tiere kehren nach dem Ablaichen ins Meer zurück.
Nur wenige Arten, die die Küsten bevölkern, sind sesshaft. Eine Ausnahme bilden die Meerechsen der Galapagos Inseln. Sie sind perfekt an das Leben in der Gischt angepasst, ihre Hauptnahrung, Algen, finden sie im Meer. Während Wale ihren Nachwuchs im Meer zur Welt bringen und säugen, müssen Walrosse und andere Robben an Land gehen, um ihre Jungen zu gebären. In der Antarktis kehren die See-Elefanten jeden Frühling an die Küsten von South Georgia zurück. Wenn sich bis zu 10.000 See-Elefanten an einem einzigen Strand drängen, verwandeln sich abgelegene Meeresbuchten zeitweilig in Kampfarenen, in denen die Bullen versuchen, die Oberhand über ihre Rivalen zu gewinnen und ihren Harem unter Kontrolle zu halten.
An den Stränden Patagoniens, der Kinderstube der Mähnenrobben, ereignet sich regelmäßig ein dramatisches Schauspiel. Hier sind die jungen Robben nur so lange vor jagenden Schwertwalen sicher, bis sie das trockene Land erstmals verlassen. Die jungen Mähnenrobben haben noch keine Erfahrung mit den Walen, die hier in ihrem Jagdverhalten zeigen, weshalb sie auch Killerwale genannt werden. Sie schießen aus der Deckung der Gischt auf die Jungtiere zu, wobei sie sogar riskieren zu stranden. Haben die Wale eine Jungrobbe gefasst, ziehen sie ihre Beute ins tiefe Wasser, wo sie, während sie noch am Leben ist, mit ihr Katz und Maus spielen. Ein bizarres Geschehen, das sich auch die Wissenschaftler noch nicht erklären können, die die Dreharbeiten begleiteten.
Doch die Jagdsaison der Schwertwale dauert nur kurz. Die Jungrobben lernen schnell und bleiben in sicherer Entfernung, die Attacken der Wale verlieren an Erfolg. Nach nur zwei Wochen ziehen sie weiter, und am Strand der Mähnenrobben kehrt wieder Ruhe ein. Sobald der Nachwuchs groß genug ist, leeren sich die Strände wieder. Wo sich noch vor kurzem Robben und Seevögel in Kolonien drängten, herrscht Stille. Alles Leben aus dem Ozean kehrt zurück, woher es gekommen ist. Eine Wendung des Schicksals, die typisch ist für die Küsten der Ozeane. Nichts in diesem dynamischsten aller marinen Lebensräume bleibt lange unverändert.