FOLGE 5 : Im Wechsel der Jahreszeiten
Also das Leben in den Weiten der so genannten Meere der gemäßigten Breiten. Dass die Meere der gemäßigten Breiten die lebensreichsten Teile der Ozeane bilden, wirkt auf den ersten Blick verblüffend.
Denn wenn zum Beispiel im Hochwinter fünfzehn Meter hohe Wellen gegen die Klippen des nordamerikanischen Kontinents prallen, scheint dort Leben unmöglich zu sein.Tatsächlich verlassen auch viele Tiere die ungastlichen Küsten und überdauern den Winter in ruhigeren, tieferen Gewässern. Doch überraschenderweise entscheiden sich manche dafür zu bleiben. Im Januar drängen sich Tausende Kegelrobben an den sturmumtosten Stränden von Sable Island zusammen, rund 280 Kilometer vor der Küste Neuschottlands. Ebenso wie manche Fische pflanzen sie sich hier zur kältesten Jahreszeit fort. Sie setzen sich den eisigen Winden aus, damit ihr neugeborener Nachwuchs von der Fülle an Nahrung im Frühjahr profitiert.
Wenn die Tage wieder länger werden, vollzieht sich förmlich eine Explosion mikroskopisch kleinen Lebens - die Planktonblüte. Das Sonnenlicht ist die lebenswichtige Energiequelle für Milliarden Planktonpflanzen, die sich jedes Frühjahr und jeden Sommer im warmen Wasser der gemäßigten Breiten in unvorstellbaren Massen vermehren. Die Überfülle an Plankton lockt immense Schwärme zarter, durchscheinender Nesselquallen ebenso an wie Riesenhaie, die mit drei Tonnen Körpergewicht das Wasser durchpflügen. Wenn im Sommer das Sonnenlicht wie smaragdgrüne Lichtfinger vom Meeresspiegel in die Tiefe dringt, streben vor der kalifornischen Küste Wälder aus Riesentang dem Licht entgegen. Mehr als 14.000 verschiedene Meeresalgen gedeihen in den Meeren der gemäßigten Breiten, doch am eindrucksvollsten ist der Riesentang. Er beeindruckt nicht nur mit seinen 50 Meter Länge, er ist auch die am schnellsten wachsende Pflanze der Welt.
Diese Wälder bieten unzähligen Tierarten Lebensraum. Haie, Seeotter und Seehunde gleiten wie Greifvögel am Unterwasserhimmel und zwischen den wogenden Tangbändern vorbei an leuchtfarbenen Seeanemonen und Jungfischschwärmen. Den Meeresgrund überziehen Geschwader von Seeigeln und Seesternen, Schwämmen und Meeresschnecken. Im November streben mehr als 500 Millionen Tonnen erwachsene Atlantische Heringe ihren Überwinterungsgründen entgegen, den Fjorden Norwegens. Sie meiden die Winterstürme über dem offenen Ozean und lassen die Fjorde wie brodelnde Ströme aus Fisch erscheinen. Ihnen folgen kleine Gruppen von Schwertwalen, die die Heringsschwärme das ganze Jahr über begleiten. Auch die Schwertwale bleiben drei Monate lang in den norwegischen Gewässern, während sie sich mit Heringen voll stopfen. Doch selbst 500 hungrige Schwertwale haben nur wenig Einfluss auf die riesigen Heringschulen, die im Frühjahr scheinbar ohne Verluste wieder aufs offene Meer ziehen.