FOLGE 3 : Im offenen Meer
Endloses Blau, Grün oder Grau dehnt sich in alle Richtungen bis zum Horizont aus.
Vom Meeresspiegel bis zum Grund sind es mancherorts unheimliche 10.000 Meter. Es gibt nur wenig Nährstoffe. Das nächste Festland, und sei es auch nur eine kleine Insel, ist 500 Kilometer entfernt: Das offene Meer ist eine unermessliche Fläche zwischen sengender Sonne und kalter Finsternis.
Mit verblüffendem Tempo taucht ein riesiger Umriss aus dem Dunkel auf. Ein 500 Kilogramm schwerer weiblicher Gestreifter-Marlin zieht vorbei. Mit nur zehn Jahren hat er seine volle Größe von fünfeinhalb Meter erreicht. Um so schnell zu wachsen, muss es irgendwo hier draußen große Nahrungsvorkommen geben. Die Kunst, im offenen Ozean zu überleben, ist zu wissen, wo man nach Beute suchen muss und ohne großen Energieaufwand dorthin zu gelangen.
In Korallenriffen, wo sich Drückerfische fortpflanzen, gelangen Millionen befruchteter Eier ins Wasser, die mit den Strömungen ins offene Meer treiben. Ihre Überlebenschance ist gering: Von einer Million Eier werden vielleicht zwei heranreifen. Bevor die Jungfische noch schlüpfen, verschwinden unzählige Eier im Schlund von Teufelsrochen, die mit weit aufgesperrten Mäulern durch die Eiwolken gleiten. Plankton kann nicht gegen die Strömung schwimmen, stattdessen treibt es mit den Wassermassen - manchmal ins Verderben. Immer wieder erheben sich Vulkane mehrere tausend Meter hoch über den Meeresboden. Wenn die Strömung an die Flanken des Seeberges aufprallt, wird sie aufwärts gelenkt und mit ihr das Plankton. Dann brechen fette Zeiten für die Planktonfresser an, die sich an den Seebergen versammelt haben.
Aber das Leben auf dem offenen Ozean ist nicht weniger gefährlich. Zahlreiche Tiere haben sich auf das Hochseeleben spezialisiert. Die Kammqualle etwa jagt Plankton an der Grenze von Wasser und Luft, darunter durchsieben riesige Sardinenschulen das Meer nach Nahrung, über Wasser lauern die Schnäbel von Sturmvögeln. Klein zu sein ist auf dem offenen Ozean von Nachteil. Daher zieht jede Art von Treibgut sowohl Plankton als auch Jungfische wie ein Magnet an, denn jeder Zufluchtsort vergrößert ihre Überlebenschancen. Junge Drückerfische wachsen unter dem Schutz von Treibholz heran, während Entenmuscheln sich auf dem driftenden Floß festsetzen und Plankton aus dem Wasser filtern. Oft halten sich Tausende Fische gleichzeitig unter dem Treibgut auf - zum Beispiel riesige Schwärme von Drachenköpfen. Die beste Lösung für das Hochseeleben ist es, groß und kräftig genug zu sein, um aus eigener Kraft überall hin gelangen zu können. Delfine etwa legen auf der Suche nach Beute Hunderte Kilometer zurück, Gestreifte-Marline können den Geruch von Sardinen wahrnehmen und folgen ihnen kilometerweit. Und über Wasser folgen Sturmtaucher den jagenden Fischen, die sie verlässlich an einen Fressplatz führen.